Warum reden wir so viel über Pferde – und so wenig über Reiter?
- Patricia Kestel
- 26. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Auf den Sitz geschaut.
Es ist heutzutage sehr unmodern geworden, bei der Pferdeausbildung den Blick auf den Reiter - vor allem sich selbst - zu werfen. Es wird ewig an den Themen und Mängeln des Pferdes rumgedoktort. Aber niemand fragt nach den Qualitäten des Reiters. Den Zeigefinger auf sich selbst zu richten - weg vom Pferd und anderen Reitern - könnte vielleicht unangenehm werden. Oder warum streitet man ewig, welche Methode für das Pferd gesund erhaltender ist, aber nicht, welche Erkenntnisse den Reiter zu Verstehen und Reife führen. (?)
Es ist komplett aus dem Fokus gerutscht, zunächst einmal sich selbst als Reiter ausbilden zu lassen, bevor man sich an ein eigenes - meist auch noch unausgebildetes oder verrittenes - Pferd heranwagt.

Es wäre doch schön, würde der Reiter zunächst auf hoch ausgebildeten Pferden lernen. Es geht in diesem Schritt nämlich darum, daß der Reiter das RICHTIGE Gefühl von einem gerade gerichteten, feinen, leichten Pferd mitbekommt. Zuerst muß nämlich der Reiter lernen wie sich das "RICHTIG" der guten Haltung, des guten Maules, der guten Balance etc. anfühlt.
Ohne diesen Lernschritt ist es unmöglich, andere Reiter und auch nicht andere Pferde und schon gar nicht andere und verschiedene Reitweisen beurteilen zu können!
Ohne diese Idee von "RICHTIG" kann der Reiter weder andere Pferde, geschweige denn andere Reiter ausbilden. Es ist nicht möglich - das ist ein Fakt.
An der Häufigkeit der hoch ausgebildeten Schulpferde erkennt man den Zustand der Reiterei, der Ausbildung der Reiter. Diese Schulpferde sind eine Seltenheit und da Angebot und Nachfrage immer voneinander abhängen, wissen wir, daß sie kaum oder gar nicht nachgefragt werden.
Lieber wird das eigene Pferd zum eigenen Schulpferd. Womit die meisten Pferde auch sehr überfordert werden. Da die Kenntnisse und das Verständnis zur Beurteilung einer fachlich guten Ausbildung natürlich fehlen müssen, folgt eine Odyssee durch die Trainerwelt. Und es wird eine Odyssee deshalb, weil auch die meisten Trainer diesen Lernweg nicht gewählt haben und nicht vermitteln können, da sie etwas sehr wichtiges nicht gelernt haben.
Es geht um das Gefühl der Hand für das Maul, wann fühlt es sich leicht und beweglich an und warum ist das wichtig.. es geht um das Gefühl für die Leichtigkeit einer Sitz- und Schenkelhilfe, dafür, wann das Pferd "am Sitz" geht und vieles vieles mehr. Es geht um Fühlen, Zuhören und Verstehen.

Wenn man diesen weiten - und oft auch mühsamen - Weg gegangen ist, kann man beurteilen und einschätzen, was richtig und was falsch ist. Für sich und andere. Vorher nicht.
Ich bin immer wieder erstaunt oder auch erschrocken wie viele ReiterInnen unglaublich viel Meinung haben bei gleichzeitg wenig Wissen und Ausbildung. Das tut der Reiterei insgesamt nicht gut und natürlich am wenigsten den Pferden.
Der gute Reiter zeichnet sich durch eine gewisse Demut aus.
(Wahrscheinlich müssen mittlerweile viele googeln, was dieses Wort überhaupt bedeutet.)
Demut vor dem Lebewesen Pferd. Demut vor der Schwierigkeit der Reitkunst. Demut vor der eigenen Unzulänglichkeit.
Ein bißchen mehr Stille und Selbstreflexion würde der Ausbildung gut tun.
Die Frage: " Was kann ich an mir selbst ändern und verbessern?" ist wichtiger als die Frage: "In welcher Haltung soll mein Pferd heute mal laufen? Nase oben oder unten?..."
Und an alle, die nun fragen: "Aber du, Patricia? Was kannst du vorweisen?"
Ich antworte gern, denn ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Ich habe z.B. zwei Jahre nur darauf verwendet, mich in meinem Reitersitz ausbilden und schulen zu lassen. Und dies auf sehr gut und fein ausgebildeten Schulpferden. Und ich habe die Lektionen auf ebenso sehr gut ausgebildeten Schulhengsten gelernt.
Ich habe Fachliteratur Buch um Buch in mein Hirn eingearbeitet. Und ich habe nie aufgehört zu lernen - bis heute nicht. Das ist das Hauptmerkmal des guten Reitens: Das Lernen geht ewig weiter.
Nun ist mein Artikel etwas emotional und eher allgemein-politisch geworden. Eigentlich sollte es ein fachlich informativer Artikel zum Thema:
"Erst der zügelunabhängige Sitz macht gutes Reiten möglich." werden.
Das kommt bestimmt auch noch einmal. Heute meinte meine Muse aber, daß wohl dieser Ansatz wichtiger sei.
Wenn dir der Artikel gefallen hat, laß gerne ein Like da. Oder deine Meinung. Ich freue mich über beides.


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